Leseprobe - Arbeitsgemeinschaft Estland

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Erika Feustel, Hamburg

Das Wappen von Reval / Tallinn und seine „Verwandten“

O je, da dachte ich, ich hätte alles Bemerkenswerte an der von mir in Heft 55/2012 beschriebenen Postkarte entdeckt und dann sieht Herr Karl Lukas sofort, dass das Wappen falsch ist ! Ehrlich gesagt, bin ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, das Wappen genauer zu betrachten, weil ich es für selbstverständlich hielt, dass ein in Reval ansässiger Verlag nur Karten mit korrektem Wappen auf den Markt bringt. Aber dank Herrn Lukas habe ich nun Anlass, mich mit dem Wappen von Tallinn und den verwandten Wappen von Estland und Dänemark zu beschäftigen.

Alle Texte, die ich zur Geschichte des Wappens gelesen habe, sind sich darin einig, dass das Wappen von Tallinn eine Variante des dänischen Wappens ist, das die vom dänischen König Waldemar II. (1202 – 1241) neu gegründete Burg Tana-Linn (= dänische Burg) von diesem erhalten hat. Die älteste Abbildung des dänischen Wappens stammt von etwa 1194, leider konnte ich davon keine Abbildung finden. Das heutige Wappen besteht in dieser Form seit 1819. Wichtig für den Vergleich der Wappen ist die Grundstruktur des Schildes:
Auf goldenem Grund drei exakt übereinander angeordnete schreitende blaue „Löwen“ (auf das Thema Löwe oder Leopard gehe ich weiter unten ein), goldbewehrt (d.h. die Krallen sind golden) und rot bezungt mit goldener Krone. Die Köpfe der Löwen sind im Profil abgebildet, der Schwanz ist S-förmig gebogen und ragt hinten über den Körper hinaus. Außerdem zeigt der Schild neun rote Herzen.

Einem Artikel von  Karl-Otto von Lilienfeld-Toal (EESTI POST 34/2002) habe ich entnommen, dass das Wappen von Tallinn seit 1284 auch das Wappen der estnischen Ritterschaft ist. Dieses Wappen zeigt die nebenstehende Variante, man sieht, dass die schreitenden Löwen den Betrachter anblicken, sie tragen eine goldene Krone auf silbernem Rand, sind auch rot bezungt, haben aber keine farbig abgesetzten Klauen. Der Schwanz ist deutlich weniger S-förmig und befindet sich gänzlich über dem Körper. Die Löwen schreiten so nah übereinander, dass die Schwanzspitzen fast die Tatzen des darüber befindlichen Tieres berühren. Außerdem ist, bedingt durch die sich nach unten verjüngende Form des Schildes, der Körper des unteren Tieres kürzer als die der anderen.

Dieses Wappen wurde dann in der Zarenzeit Vorlage für das Wappen des Gouvernements Estland, aber man erkennt sofort die Veränderungen: Geblieben ist eigentlich nur die Grundstruktur, drei schreitende blaue Löwen auf goldenem Grund. Die Löwen erinnern von der Form her eher an die dänischen Löwen, d.h. die Köpfe sind im Profil, die Schwänze ragen über den Körper hinaus nach hinten. Aber die Zunge ist nicht sichtbar, die Klauen sind schwarz hervorgehoben und die Löwen tragen keine Kronen.



Das heutige Staatswappen von Estland ähnelt dem Ritterschaftswappen in der Form und Anordnung der Löwen, aber die Bärte sind anders geformt, es ist etwas mehr Platz zwischen den Tieren und alle Tiere sind gleich groß.


Nun endlich folgt die Beschreibung des Wappens von Tallinn, das ja nach dem dänischen Wappen Vorbild für alle estnischen Varianten war: Dies ist das so genannte große Wappen, wie es am 23.Mai 1991 gesetzlich festgelegt wurde, aber im Grunde besteht es so seit 1788, als Zarin Katharina II. Helmzier und Schildmantel dem Schild hinzufügte. Dieses Wappen, das beiden Postkartengestaltern als Grundmuster diente, soll nun ausführlich in seiner Zusammensetzung beschrieben werden:
Auf dem Schild schreiten drei gleichgroße, übereinander angeordnete,  blaue Leoparden/ Löwen mit goldenen Kronen und roten Zungen auf goldenem Grund. Sie wenden dem Betrachter das Gesicht zu und ihre Schwänze sind so flach zum Kopf hin gebogen, dass sie fast den Rücken und den Kopf berühren. In der Sprache der Heraldik ist jede schreitende Großkatze ein „Leopard“, „Löwe“  heißt eine Großkatze dann und nur dann, wenn sie aufrecht auf den Hinterbeinen steht. Der Anmerkung von Karl Lukas in EESTI POST 34/2002 habe ich entnommen, dass die Esten selbst von „leopardisierten Löwen“ sprechen, obwohl das, wie auch aus dem Beitrag von Heinz Lukaschewitz in EESTI POST 43/2006 hervorgeht, in der Sprache der Heraldik nicht korrekt ist.
Über dem Schild sitzt als Helmzier ein silberner, rot gefütterter Spangenhelm mit goldenem Halskleinod. Diese Spangen- oder Kolbenhelme waren keine Kriegs- sondern Sporthelme, denn sie wurden nur bei Turnieren getragen, wo die Teilnehmer mit Kolben auf einander einschlugen. Dieser Sport war Ende des 15. bis ins frühe 16. Jh. Mode, danach finden sich diese Helme nur noch als Wappenzier bzw. Funeralhelme (diese wurden auf Särge gelegt). Über dem Helm sitzt eine goldene, mit Rubinen und Perlen verzierte fünfzackige Krone, aus der die Gestalt einer aufrecht stehenden Frau in einem roten Kleid empor wächst, die eine goldene Krone trägt und die Hände vor der Brust verschränkt hat. Diese Frau wird entweder als Himmelskönigin Maria oder als die dänische Königin Margarethe I. (1387-1412) angesehen. Mir scheint die zweite Lösung einleuchtender, weil Maria in der Regel weiß gekleidet mit blauem Mantel dargestellt wird, während das rote Kleid eher auf das Purpur der Könige hinzudeuten scheint. Unter der Helmkrone sitzt die blau-goldene Helmdecke (der Schildmantel), die hier nicht mehr als Decke zu erkennen ist, sondern nach der Mode von Barock/Rokoko als wild verschlungene Akanthusblätter gestaltet wurde. Ich habe bisher noch nicht herausfinden können, ob Helm und Frau schon vor 1788 den Schild zierten und hier nur in ein Wappen nach der Mode der Zeit umgeformt wurden, oder ob alle Bestandteile oberhalb des Schildes wirklich erst 1788 erfunden wurden.
Der estnische Historiker Ivar Leimus hat untersucht, ab wann man das Wappen konkret in Reval / Tallinn nachweisen kann und kam zu dem erstaunlichen Befund, dass es vor der Mitte des 17. Jhs. keinen Beleg für dieses Wappen gibt. Zwar gibt es ein Stadtsiegel mit den drei „Löwen“, das erstmals 1277 nachweisbar ist, aber Leimus betont immer wieder, dass ein Siegel noch kein Wappen sei. Dieses Siegel zeigt aber schon einen gekrönten Kopf über dem Schild mit den Löwen. Ab 1564 erscheinen auf Befehl des schwedischen Königs die dänischen Löwen auf den Münzen von Reval, um den Anspruch des Königs, auch über Dänemark zu herrschen, sichtbar zu machen. Leimus vermutet, dass sich aus der Gewöhnung an das Münzbild die Vorstellung entwickelte, dies sei das Revaler Stadtwappen.
Erst 1652 findet sich die erste schriftliche Erwähnung eines Revaler Löwenwappens.
Auf der Suche nach Briefmarken, die diesen Artikel illustrieren könnten, habe ich mit dem Wappen von Tallinn nur die Caritas-Marken von 1936 gefunden, die jedoch gerade in Heft  55 im Artikel von H.Kuras als Makro-Essays vorgestellt wurden.
Aber während dieser Suche sind mir im Handbuch von Hurt / Ojaste einige Stempel aus dem Freiheitskrieg aufgefallen, die zeigen, dass es am Anfang der Republik einigen Stempelschneidern noch nicht so recht klar war, wie denn nun eigentlich die Wappentiere aussehen.
S. 328 die Abbildungen 79 – 82 zeigen die „leopardierten Löwen“ mit Kronen (die das Staatswappen nicht hat) und mit falsch geschwungenen Schwänzen. Auf S.344 soll die Abbildung 166 wohl ein dänisches Wappen sein, wie zumindest die Herzen zeigen, aber die Köpfe sind  die der Tallinner Leoparden (den Betrachter anblickend) die Schwänze eher die der Gouvernements-Leoparden.





Um nun noch einmal auf die im vorigen Heft beschriebene Postkarte zurückzukommen:
Eigentlich hat der Künstler etwas sehr Geschicktes getan, denn indem er das Wappen, das man immer rein frontal betrachten soll, nach rechts unten gedreht und gekippt hat, lenkt er den Blick des Betrachters auf die Hauptsache, auf das Feld mit den handschriftlichen Mitteilungen. Aus der Sicht des Heraldikers hat er dabei aber  zwei unverzeihliche Fehler begangen, erstens hat er die falschen Leoparden gewählt, (vermutlich die vom Gouvernements-Wappen) und zweitens und noch schlimmer, sie schreiten nun in die falsche Richtung! Grundsätzlich gilt für alle Schilde, dass die darauf abgebildeten Tiere nach vorn schauen / schreiten müssen (wenn der Schild am linken Arm getragen wird), damit sie angriffsbereit den Gegner bedrohen. Tiere, die nach hinten schauen, wirken, als würden sie vor dem Gegner fliehen wollen!

Literatur: Ivar Leimus: Einige Anmerkungen zur Geschichte der Revaler (Tallinner) Wappen und Siegel. In: Steinbrücke 1, Tartu 1998, S.55 - 61
Quellen der Abbildungen: EESTI – Estland, Philatelie & Postgeschichte, Handbuch, Katalog,
Vambola Hurt, Elmar Ojaste, Göteborg 1986


 
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